Ist NEIN sagen egoistisch?

by Constanze Bohg

Vor gut einem Monat saß ich an den Notizen zum neuen Blogtext. Schon, wenn ich über das Thema nachdachte, war ich voller Freude. Tja, und keine 24 Stunden später lag ich flach. Influenza! Fast zwei Wochen Bettruhe, und natürlich nicht nur ich. Beide Kinder steckten sich dann auch noch an und leisteten mir mit hohem Fieber Gesellschaft.

Als ich dann vor kurzem endlich wieder geradeaus schauen konnte, war einer meiner ersten Gedanken “Mein Text! Ich will meinen Text schreiben.” Aber statt mich an den Laptop setzen zu können, kam ein Ding nach dem anderen. Keine Chance, sich in Ruhe zurückzuziehen für mehrere Stunden.

Erst seit zwei, drei Tagen sehe ich die lange (Zwangs)-schreibpause etwas entspannter. Ich wurde nämlich reichlich beschenkt in dieser Zeit. In fast jedem Gespräch, das ich mit Freunden oder Bekannten führte, ging es interessanterweise früher oder später um genau das Thema, um das es heute geht: 

Selbstfürsorge

Ich weiss, es gibt tonnenweise Texte da draußen zu dieser Überschrift. Dennoch bin ich aufgrund der kostbaren Gespräche überzeugt, dass ich meinen Teil, meine Erfahrungen hier niederschreiben soll. Es wird ganz sicher nicht bei diesem einen Eintrag bleiben, sondern ich werde sehr wahrscheinlich eine Serie von Texten in den nächsten Wochen einstellen. Für mich ist es eine seit mehreren Jahren andauernde Reise voller Heilung, Entdeckungen und Schönheit. Also bleib gespannt!

Ihr sollt Gott von ganzem Herzen lieben, mit ganzer Hingabe, mit eurem ganzen Verstand und mit all eurer Kraft. Ebenso wichtig ist das andere Gebot: Liebe deinen Mitmenschen wie dich selbst. Kein anderes Gebot ist wichtiger als diese beiden.

Jesus (Markus 12:30-31)

Der Inhalt des heutigen Textes hat mein Leben verändert. Für immer. Und ich wünsch dir von Herzen, dass du auch etwas mitnehmen und verändern kannst. Vielleicht bist du ja schon voll gut darin. Vielleicht? Die vielen Begegnungen mit verschiedensten Menschen in den letzten Wochen haben mir jedoch gezeigt, dass es da durchaus noch Nachholbedarf gibt. 

Bitte was?

Als ich 2010 zum ersten Mal in Therapie ging, war ich völlig am Ende. All die Schutzstrategien, die bis dahin funktioniert hatten, zogen nicht mehr. Ich erinnere mich noch lebhaft an eine der ersten Sitzungen mit dem Therapeuten. Er hörte sich alles geduldig an, was ich erzählte, und sagte dann:

Frau Bohg, was ich Ihnen jetzt gleich sage, könnte Ihr Leben grundlegend verändern. Um Ihre Frage zu beantworten: Ja, ich bin davon überzeugt, dass Sie diese Krise mit etwas Beistand überstehen und gestärkt daraus hervorgehen werden. Also, wie wäre es, wenn mit Punkt eins einer möglichen Lösung beginnen?

NEIN. ist ein vollständiger Satz

Photo by Nathan Bingle on Unsplash

Ich schaute ihn voller Verwunderung an. Naja, wahrscheinlich sah ich eher kritisch-fragend aus, mit einem großen “Bitte WAS?” auf der Stirn. Einige Zeit verstrich, dann erklärte er mir, was er mit dieser Aussage meinte. Ich lernte an diesem Tag nicht nur, dass “Nein.” ein vollständiger Satz ist. Mir wurde auch bewusst, dass es keinerlei Rechtfertigung oder Schuldgefühle bedarf. Hinter diesen vier Buchstaben ist ein Punkt. Ende. Basta. 

Das mag auf den ersten Blick etwas unhöflich oder sehr direkt klingen. Manche Mutter unter den Lesern wird sich erinnern an die Zeit, als ihr zweijähriges Kind dieses Wort für sich entdeckt hat.

Gesunde Abgrenzung

Meiner Meinung nach beginnt Selbstfürsorge zuallererst mit dem Setzen und Einhalten gesunder Grenzen. Eines der Bücher, welches ich in der besagten Therapie förmlich verschlungen habe, lautet auf den Titel “Nein sagen ohne Schuldgefühle”, von Dr. Henry Cloud und Dr. John Townsend. Ich kann dieses Buch wirklich nur wärmstens empfehlen. Mir hat es damals echt die Augen geöffnet für eine ganz neue Welt.

Selbstfürsorge ist nicht gleichzusetzen mit “immer nur an sich denken” oder “Egoismus”. Selbstfürsorge bedeutet schlichtweg, innerhalb seiner Grenzen zu leben, sich gesund abzugrenzen. Und damit das funktioniert, braucht es eine ganze Menge “Nein” in deinem Leben. Ich will anhand meines Alltags zeigen, was ich damit meine.

Ich befinde mich (wie die meisten von uns) täglich in Situationen, in denen jemand etwas von mir braucht oder will. Kann ich kurz zurückrufen? Bestimmt kann ich doch nachher schnell vorbei kommen? Könnte ich morgen spontan einspringen? Da wäre noch ein Text zu schreiben … usw. Ich denke, ihr wisst, was ich meine. Und gemeinsam mit der obigen Aussage, dass “Nein.” ein vollständiger Satz ist, stellt sich eine zweite Grundannahme dar.

Jedes JA an einer bestimmten Stelle bedeutet ein NEIN an anderer Stelle.

Wenn ich JA sage zu einem Telefonat spätabends, dann sage ich hiermit NEIN zu meinen notwendigen neun Stunden Schlaf. Wenn ich JA sage zum “mal schnell noch durch insta schmökern” dann sage ich in dem Moment NEIN zu ungeteilter Aufmerksamkeit, während ich mit den Kindern spiele.

Multitasking. Wirklich?

Ich kann nicht zwei Dinge gleichzeitig und mit jeweils ungeteilter Aufmerksamkeit erledigen. Ich bin fest davon überzeugt, dass Multitasking eine Illusion ist. Und ich bin mit meiner Meinung nicht alleine. Der Neurologe, Dr. Volker Busch, beschreibt in diesem Artikel das Thema wie folgt:

“Wenn Sie mehrere intellektuelle Dinge gleichzeitig erledigen wollen, muss ihr Gehirn immer hin und her schalten. Dieser Prozess ist für das Gehirn sehr anstrengend. Ständiger Aufmerksamkeitswechsel kostet viel Performance. Wir machen deutlich mehr Fehler und benötigen letztlich mehr Zeit für das Verrichten einer Aufgabe.”

Dr. Volker Busch

Was bedeutet das alles nun unterm Strich?

Weise Entscheidungen

Selbstfürsorge bedeutet, dass ich weise entscheide, was ich als nächstes tue oder lasse. Und bevor du eine Entscheidung triffst, egal ob sie den nächsten Moment oder Monat betrifft, nimm dir Zeit. Lass dich nicht von Menschen oder Terminplänen herumschubsen oder zu übereilten Entscheidungen drängen. Mach innerlich einen Schritt zurück. Hole in Ruhe einen Atemzug lang Luft. Und horche in dich hinein. Ist es jetzt “dran”? Oder ruft alles in dir “NEIN!”, weil der Nachmittag bereits voll gepackt ist und du den Abend für dich haben möchtest? Dann lautet eben dieses Mal die Antwort auf die Frage “Hast du Lust, heute Abend mit ins Kino zu kommen?” schlichtweg “Danke für die Einladung. Heute klappt es nicht.”

So einfach geht das. Es braucht keine Rechtfertigung. Schuldgefühle sind nicht erlaubt. Es ist nicht kompliziert und trotzdem höflich. Probiere es doch aus! Ich kann dir eines versprechen: Es wird die Qualität deines Lebens und die der Menschen um dich herum immens steigern.

Mach mal Pause!

Die Welt da draußen suggeriert uns ständig, dass “Hach, ich bin so im Stress!” echt cool ist heutzutage. Ich sage: Nein. Ich finde es absolut nicht cool, wenn mein Tag überfrachtet ist und ich die ganze Zeit auf Anschlag bin. Es nervt mich. Und es raubt mir so viel Energie und Kraft.  Und was dann kommt, ist noch viel schlimmer. Dann werd ich nämlich kratzbürstig und grantig. Motze die Kinder an und meinen armen Mann. Also eben die Menschen, die in unmittelbarer Nähe sind. Und letzten Endes verfehle ich genau das, was Jesus uns aufgetragen hat in Markus 12. Dann sind die Mitmenschen echt in Schwierigkeiten.

Photo by Natalia Figueredo on Unsplash

Es steht dir zu, dich auszuruhen und Pausen zu machen. Das klappt aber nur dann, wenn du innerhalb deiner gottgegebenen Grenzen lebst. Dafür bist nur du allein verantwortlich. Keiner kann dir das abnehmen.

Übung macht den Meister

Ein Tipp: Übe dieses kleine Wörtchen “Nein” zuerst mit Menschen, denen du vertraust, die dir wohl gesonnen sind. Menschen, die nicht gleich beleidigt reagieren oder eingeschnappt sind. Ich habe es damals so gemacht: Ganz zu Beginn habe ich meinen Mann eingeweiht und ihn gefragt, ob ich mit ihm üben kann. Er war sofort mit am Start. Also haben wir geübt. Und ich wurde mit jedem Mal besser. Denn dieses “Nein” geht einem mit der Zeit leichter über die Lippen. Und vor allem habe ich sehen dürfen, wie sich mein Leben verändert hat. Auch wenn “Nein” am Anfang echt Überwindung und Mut kostet, es lohnt sich so sehr! 

Hinfallen, aufstehen, aufräumen

Heute, nach mehreren Jahren mit dieser Erkenntnis an meiner Seite, übe ich weiter und verbessere mich. Mir passiert es auch heute hier und da, dass ich blindlings hinein laufe in Situationen, wo ich, beispielsweise, um Menschen zu gefallen, meine Grenzen nicht wahre. Sobald ich es dann merke, stelle ich mich der Tatsache. Und dann heisst es aufräumen. 

Das kann zum Beispiel bedeuten, dass ich eine Bekannte anrufe und ihr mitteile, dass ich doch nicht mitfahren kann zum geplanten Konzert. Es kann auch bedeuten, dass ich einen Sportkurs, den ich bereits gebucht (und gezahlt) habe, stornieren muss. 

Photo by Katee Lue on Unsplash

Denn wenn ich ehrlich mit mir selbst bin, dann habe ich in der jetzigen Lebensphase schlicht keine Kraft, jeden Donnerstag Abend noch zum Pilateskurs zu fahren. Liebe ich Pilates? Sehr sogar! Bestimmt wäre es auch toll für meinen Körper, mich zu dehnen und das Power House zu stärken. Glaub mir, ich hab es probiert. Und bin jedes Mal innert der ersten zehn Minuten auf der Matte eingepennt. Ist wirklich passiert. Habe ich das Geld wiedergesehen? Nein. Werde ich bei einer ähnlichen Entscheidung in der Zukunft lieber zweimal nachdenken, bevor ich etwas zusage? Absolut!

Du. Schaffst. Das.

Ihr seht, es ist wirklich nicht schwer. Es geht einfach darum, ehrlich zu sich selbst zu sein. Zu sich zu stehen. Hab den Mut, du selbst zu sein! Dies ist eine der größten Errungenschaften und eines der wunderbarsten Geschenke meines Burnouts. Ich habe begriffen, dass ich mich nicht einschränke, wenn ich innerhalb meiner Grenzen lebe. Im Gegenteil – ich bin aufgeblüht und kann das Potential, das in mir liegt, ausschöpfen, ohne erschöpft zu sein. Es ist ein Schatz. Kein Opfer.

Ich freue mich voll drauf, von Dir zu hören in den Kommentaren. Oder schreib mir gerne auch eine Email mit deinen Fragen oder Zweifeln. Noch besser:  Berichte von den ersten Erfolgen, wenn du liebevoll aber bestimmt NEIN sagst zu etwas, dass ausserhalb deiner Grenzen liegt.

Du. schaffst. Das.

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